BlockPromis

Shlomo Tidhar

Festival Alter Musik Stockstadt 2014:  Wie in den letzten Jahren bereits steht er ruhig und zurückhaltend mit seinem Stand voller buntblumig bedruckter Notenausgaben an der vorderen Längswand der Ausstellungshalle: Der Blockflötist, Komponist und Verlagsinhaber Shlomo Tidhar, mittlerweile stolze 83 Jahre alt!

Shlomo Tidhar, Foto Anne Pape 2014Diesmal kommen wir ins Gespräch, denn er macht mich auf seine – wie er betont – besonders virtuosen neuen Quartettkompositionen „Wasserspiele“ und „Waves of Imagination“ aufmerksam. Genau so etwas suchte ich gerade!

Er beginnt zu erzählen, wie er als Kind einer deutschen jüdischen Familie mit seinen Eltern in den 30ger Jahren nach Israel floh. Wie er dort einen „ganz normalen“ Beruf – und Blockflöte spielen lernte. Wie er dann Hans Martin Linde erlebte und beschloss:
Bei dem will ich lernen, besser zu spielen – und Blockflöte soll mein Leben werden!

Es gelang ihm tatsächlich, sich als Student bei Hans Martin Linde in die Schola Cantorum Basiliensis in Basel einzutragen. Dazu siedelte er mit der ganzen Familie in die Schweiz über. Nach erfolgreichem Abschluss zog er als Blockflötist zurück nach Tel Aviv, konzertierte in verschiedenen Besetzungen jahrzehntelang und wurde Dozent an der dortigen Musikhochschule.
Seit seiner Pensionierung lebt Tidhar wieder in Deutschland. Getreu seinem Motto, dass die Blockflöte sein Leben sein soll, komponiert er für die verschiedensten Besetzungen und gründet seinen eigenen Verlag. Seine Kompositionen – im quasi Hippie-Look verpackt – verbinden traditionell „klassisches“ mit folkloristischen, vorallem israelischen Anklängen. Ich finde die Notenschrift  etwas groß geraten – so dass es auch in den Stimmheften viele Seiten benötigt und der Überblick nicht leicht gelingt. Das soll uns aber nicht hindern.

Schwer beeindruckt – und mit mehreren Tidhar-Notenheften im Rucksack – verabschiede ich mich. Ich bin urigst gespannt, wie die neuen Werke in meinen Ensembles ankommen…..

Advertisements
Deutsche Griffweise / Blockblog.info

Deutsche Griffweise & Peter Harlan

Die „deutsche Griffweise“ für Blockflöten  ist das Ergebnis eines Versuchs, im Zuge der Wandervogelbewegung in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts eine ganz vereinfachte Flöte herzustellen.
Sie  unterscheidet sich optisch zunächst nur durch ein kleineres 3. Tonloch (von unten) von der barocken. Dadurch wird es möglich, auf  „deutsch“  gebohrten Instrumenten die ersten Töne der Grundtonleiter durch einfaches Hochheben des jeweils nächsten Fingers zu spielen, während barocke Flöten beim 4. Ton einen Gabelgriff rechts benötigen. Allerdings benötigt das einfache B der Sopranflöte in beiden Bauweisen ja ebenfalls  einen Gabelgriff, nur eben links 🙂
Diese Griffweise  hat sich – im Gegensatz zur barocken – langfristig nicht durchgesetzt. Sie existiert in Deutschland aber bis heute vereinzelt noch im untersten Preissegment.

. Doppellöcher können immer vorkommen!Foto:
Links deutsche, rechts barocke Bohrung. Die Größe des vom Stift gezeigten Lochs macht den Unterschied aus. Doppellöcher können in beiden Bauweisen vorkommen!

Die deutsche Griffweise wäre kurz nach ihrem Erscheinen um 1921 oder 1926 (differierende Angaben) gleich wieder abgeschafft worden – wäre es nach dem Entwickler (gemeinsam mit dem Querflötenbauer Kurt Jacob) dieser Bauform, dem Berliner  Zupfinstrumentenbaumeister Peter Harlan gegangen. Harlans sofortiger Versuch, die Verbreitung der von ihm konstruierten „Verrücktheit“ (seine Worte)  zu stoppen, scheiterte jedoch: Das Flötlein verkaufte sich über viele Handelsfirmen schnell sehr gut, zuerst wohl durch die Firma Bärenreiter.
Harlan selbst entschuldigt sich in einem Interview mit dem damals führenden Musikpädagogen der Wandervogelpädagogik, Fritz Jöde,  sehr betroffen und ausführlich für seine „Stümperei“ aus Unkenntnis.
Tatsächlich wurde im Blockflötenbau – damals gerade durch die Jugendbewegung wieder  „in“ – viel experimentiert. Harlan sah die Blockflöte einerseits als ganz einfaches Instrument – fand aber andererseits doch, dass man darauf alles ausdrücken könne, was man wolle. Er sprach ihr eine gewisse Naivität zu, die man auch mit aller Virtuosität kaum entstellen könne. Vor allem stellte er sie sich als Instrument zum Improvisieren vor.
In Zusammenarbeit mit dem in England bereits profilierten Alte-Musik-Spezialisten und erfolgreichen Blockflötenbauer Arnold Dolmetsch begann Harlan die barocke Griffweise mit den Gabelgriffen zu verstehen. Da Dolmetschs Einfluss hier deutlich wurde, sprachen nun manche Leute sogar von einer  „englischen“ Griffweise,  wenn sie die barocke meinten. Wie wir von Harlans Sohn erfahren, hatte sein Vater eh nie selbst eine Flöte gebaut – und sehr bald ließ er nun auch unter seinem Namen keine Blockflöten mehr herstellen.

Das Original – Interview mit Harlan 
Der Blockflötist Nik Tarasov hat den Mitschnitt des langen Harlan/Jöde Interviews (drauf klicken zum Lesen, lohnt sich!) für den Windkanal aufgeschrieben. Aufbewahrt ist das Band im Archiv der Jugendmusikbewegung, Burg Ludwigstein. Wir erfahren durch sehr persönliche Schilderungen viel über die Entwicklung eines musischen Menschen und den Stand des Instrumentenbaus im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, zur Zeit des Wandervogels. Immerhin betrat „unser“ Instrument durch diese Bewegung überhaupt wieder die musikalische Bühne!

Peter Harlan: innovativer Instrumentenbau abseits der Blockflötenirrtums
Peter Harlan machte sich insgesamt für die Wiederentdeckung und den Neubau mittelalterlicher Instrumente sehr verdient. Er stand in Kontakt mit namhaften Künstlern und Instrumentenbauern der Zeit und arbeitete daran, u.a. nach den Abbildungen und Beschreibungen des Syntagma musicum (Michael Praetorius, 1615) historische Instrumente  v e r e i n f a c h t   neu zu bauen. Um originalgetreue Kopien ging es ihm in dieser Zeit  nicht, sondern um viele für jedermann erschwingliche, einfach zu spielende Instrumente.

Harlan – ein Tonbeispiel hier.
Seine „Zupfgeigen“ (Gitarrenlauten), Fideln und Gamben waren bezahlbar – und teilweise in Bausätzen selbst nachzubauen. Sie taugten ganz im Sinne des Wandervogels gut für schlichte barocke Tänze, die sich neben den Liedern des Zupfgeigenhansels in geselliger Runde spielen ließen.
Nach dem zweiten Weltkrieg zog er mit seiner Instrumentensammlung und der Werkstatt als Musikausbilder in die Burg Sternberg (Lippe). Später führten seine Söhne diese Arbeit fort. Sein in Amerika lebender Enkel Christoph schildert uns den „Grosspapa“ in einem begeisterten Aufsatz.